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Fachtag Grundbildung und Alphabetisierung

Am Dienstag, 04.06.2019 fand in der VHS Offenburg der erste Fachtag „Grundbildung und Alphabetisierung“ statt.

Auf dem Kulturforum gastierte das ALFA-Mobil und im Saal der VHS hieß die neue Leiterin der VHS Offenburg, Dr. Constanze Armbrecht die Teilnehmenden willkommen. Dass der Fachtag auch mit der Bewilligung von Fördermitteln für das Grundbildungszentrum Ortenau, einem gemeinsamen Projekt der drei Volkshochschulen VHS Offenburg, VHS Lahr und VHS Ortenau, zusammenfiel, freute besonders. Dr. Roland Peter vom Kultusministerium war als Fachreferent und offizieller Überbringer der guten Nachricht anwesend.

Petya Zasheva von der WRO (Wirtschaftsregion Ortenau) begrüßte im Namen der WRO und hob hervor, dass die Kooperation der drei Volkshochschulen mit der WRO eine sehr gute Grundlage ist, um Menschen mit Unterstützungsbedarf zu erreichen. Das WRO-Netzwerk steht mit seinen Partner/innen aus Städten und Gemeinden, dem Landkreis und vor allem mit den 160 größten Unternehmen der Region hinter dem Anliegen der Volkshochschulen,  das Thema Grundbildung und Alphabetisierung in der Ortenau voranzubringen.

Dr. Roland Peter, (Kultusministerium Stuttgart, Stv. Leiter im Referat Weiterbildung/Erwachsenenbildung) stellte mit seinem Impulsreferat zur „Grundbildung und Alphabetisierung in Baden –Württemberg“ die neuesten Zahlen aus der im Mai 2019 veröffentlichen Studie LEO 2018 „Leben mit geringer Literalität" vor und kommentierte das umfangreiche Zahlenwerk.

Ein Ergebnis dieser Studie lautet: „Die Lese- und Schreibkompetenz von 12,1 Prozent der Erwachsenen in Deutschland entspricht den Alpha-Levels 1-3. Das sind rund 6,2 Millionen deutschsprechende Erwachsene“. In Level 1 bis 3 finden sich Menschen, die Kenntnisse zu Buchstaben, einzelnen Worten oder im besten Fall zu einfachen Texten haben, jedoch nicht in der Lage sind Texte schriftlich zu verfassen oder inhaltlich zu erfassen“. Mehr als die Hälfte dieses Personenkreises hat Deutsch als Muttersprache“ kommentierte Dr. Roland Peter. Statistisch gesehen  sind mehr Männer als Frauen betroffen, viele haben die Schule ohne Abschluss verlassen und trotzdem sind 62,3 % der betroffenen Personen erwerbstätig. „Da steckt ein großes Potential von Menschen, die mit ihren geringen Schreib- und Lesekenntnissen keine beruflichen Aufstiegschancen haben“. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel ist es notwendig einen niederschwelligen Zugang zu Bildung für wenig literalisierte Menschen zu schaffen. Die Mehrheit der Personengruppe ist verheiratet, hat Kinder, besitzt einen Führerschein, jedoch lesen nur 23,6 Prozent täglich eine Zeitung. In der gesamten erwachsenen Bevölkerung tun dies 41,9 Prozent. Nur 62,2 Prozent der gering literalisierten Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit gehen wählen. Für die Teilnahme an einer Wahl ist neben der politischen Willensbildung das Lesen und korrekte Ausfüllen eines Stimmzettels notwendig.

Zum Abschluss gratulierte Dr. Roland Peter den anwesenden Vertreterinnen der drei Volkshochschulen VHS Offenburg, VHS Lahr und VHS Ortenau zur Bewilligung von Fördermitteln für eines von acht Grundbildungszentren in  Baden-Württemberg. „Das Grundbildungszentrum ermöglicht es, ein breites Netzwerk an Einrichtungen, Unternehmen und Behörden aufzubauen“,  erklärte Dr. Roland Peter. Dieser Fachtag ist ein wichtiger Schritt um ein Netzwerk zu beginnen.

In den anschließenden Workshops konnten sich die Teilnehmenden direkt informieren. Workshop 1 „Buchstäblich fit“ wurde vom Bundesverband Alphabetisierung unter der Leitung von Tim Henning, dem Projektleiter des bundesweit agierenden ALFA-Mobils durchgeführt. Eindrucksvoll schilderte die ehemalige Analphabetin Kerstin Goldenstein aus ihrer Lebenswelt ohne Buchstaben. Unterstützung erfuhr sie in der Zeit von ihrem Mann, der alles Schriftliche für sie übernommen hat. Erst als psychische Probleme professionelle Hilfe erforderten, konnte sie über ihr “Handicap“ sprechen. Heute begleitet sie das Team ALFA-Mobil als Lernbotschafterin um über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Wissen Sie, dass manche Analphabeten 60 oder 70 km weit fahren, um einen Kurs zu besuchen? Sie fahren so weit, weil sie sicher sein möchten, dass niemand sie erkennt“.

Im zweiten Workshop des Vormittags „Gelingensfaktoren arbeitsplatzbezogener Grundbildung“ referierte Knut Becker von der Fachstelle Grundbildung und Alphabetisierung Baden-Württemberg. Im Fokus der Fachstelle liegt besonders die Arbeitsplatzorientierung der Grundbildungsarbeit, denn es geht darum die Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, als eigenständige, meinungsbildende und denkende Personen im Alltag zu bestehen. Ziel ist es die Zahl der Nachfrager von arbeitsplatzorientierten und allgemeinbildenden Lernangeboten im Grundbildungsbereich signifikant zu erhöhen, sodann zunehmende Lernerfolge zu sichern und schließlich die Zahl der funktionalen Analphabeten unter den baden-württembergischen Erwerbstätigen zu reduzieren. Lernende müssen eine Perspektive erhalten, Chancen auf dauerhafte Beschäftigung und berufliche Weiterentwicklung. Für Lernende sind das die Voraussetzungen um an allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben zu können und die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten, die materielle Existenz zu sichern und ein erfülltes Privat- wie Berufsleben in Deutschland führen zu können.

Am Nachmittag traf sich die Gruppe zum Workshop „Grundbildung Offenburg – Runder Tische für Ideen“. Die von Susanne Mayer moderierte, ergebnisoffene Gesprächsrunde führte sehr schnell zu angeregten Gesprächen. „Was fällt Ihnen zum Thema Grundbildung in Offenburg ein? Wie ist der aktuelle Stand? Welche neuen Möglichkeiten und Chancen bieten sich?“ Der Austausch fand zuerst in Kleingruppen statt und war sehr intensiv. Das ist nicht verwunderlich, erklärt Karin Weißer, „wenn in einer Gruppe der Leiter der Kunstschule, zwei VHS Dozentinnen und die Vertreterin der Tafel Offenburg zusammensitzen, werden die unterschiedlichen Ansätze aus den verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet“.

„Dieser Fachtag war sehr aufschlussreich und hat Grundbildung eben doch nicht nur auf  Lesen und Schreiben reduziert“, resümiert eine Teilnehmerin. „Das Impulsreferat hatte ein großes Spektrum an Informationen, die durch den strukturierten Vortrag verständlich und bestens nachzuvollziehen waren“.
 Alle Anwesenden waren sich darüber einig, am Thema bleiben zu wollen. Der nächste Schritt wird der Aufbau eines Netzwerkes werden und natürlich das Grundbildungszentrum Ortenau mit den beteiligten Volkshochschulen.

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